by Paul Hübner, September 15, 2011
Das war’s dann. Die LUCERNE FESTIVAL ACADEMY 2011 ist seit Montag Geschichte, und natürlich musste sie standesgemäß zu Ende gebracht werden, mit einem Wochenende, das durch besondere Aktionsdichte auffiel. Der probenintensive Freitag klang unerwartet angenehm mit der Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann aus; Anton Bruckners Achte stand auf dem Programm, und dem einhelligen Tenor, dass man dieses Werk nicht besser musizieren kann, schließe ich mich gerne an. Dazu noch die optisch ansprechende Thielemannshow, mit Gesten und Verbeugungen, die jedem Kapellmeister der dreißiger Jahre alle Ehre machen würden, das ist besser als jede Kinovorstellung. Auf die Freikarten für das zweite Konzert am Samstagabend verzichtete ich dann großmütig - den guten Eindruck wollte ich mir nicht durch Pfitzners Klavierkonzert kaputtklimpern lassen. Alban Berg wäre stolz auf meine heroische Tat.
Das LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Orchestra ist besser als die Wiener Philharmoniker: nach drei Wochen harter Arbeit haben wir uns diese gewagte Aussage redlich verdient – zumindest was das Fußballspiel am Sonntagnachmittag betraf, in dem unsere von französischer Ballkunst geprägte Equipe die Wiener mit 5:4 vom Platz jagte.
Bei soviel Jubel ging das Abschlusskonzert am Vormittag beinahe unter: Peter Eötvös hatte offensichtlich viel Spaß an Bernd Alois Zimmermanns »Photoptosis«, dem gefühlt lautesten Orchesterstück der Welt, und leitete routiniert durch Karlheinz Stockhausens »Punkte«, das trotz aller seriellen Sperrigkeit eine ganz eigene Dynamik und Sogkraft entwickelte und beim Publikum hörbar gut ankam. Nach der Pause die mit Spannung erwarteten Meilensteine der klassischen Moderne, Arnold Schönbergs Orchestervariationen und Alban Bergs drei Orchesterstücke. Wie nicht anders zu erwarten, fanden es alle gut, der lautstarke Applaus von beiden Seiten, Bühne und Zuschauerraum, galt dem alten kleinen Mann, nach dessen mikroskopisch kleinen Handbewegungen wie in den letzten drei Wochen auch an diesem Morgen wieder einhundertunddreißig glückliche Musiker tanzten.
So richtig getanzt wurde dann allerdings erst am Abend, der Südpol kochte. Dazu gab es Gesang, von der intellektuellen Sorte (Edel-HipHop von The Oracle Hysterical) und auch etwas einfacher gestrickt, aber dadurch nicht minder wirkungsvoll (mitternächtliche Karaoke-Show). Tänze bis in den Morgen – denn dann fuhren dann schon zahlreiche Akademisten mit der Eisenbahn gen Paris, um die Meriten der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY durch ganz Europa zu tragen, on tour mit »Pli selon pli«.
Der Vorhang schließt sich nun also, ebenso wie dieser Blog. Neues aus Luzern gibt es dann erst wieder 2012. Adé bis dahin!
by Paul Hübner, September 9, 2011
Ironie des Schicksals: Just in der Endphase des groß angelegten „Pli selon pli“-Projekts sehe ich im Spiegel meine erste Falte. Regelmäßiges Lachen und Alterserscheinungen haben sich gegen mich verschworen und eine Furche links neben meinen Lippen unwiderruflich in die Haut eingekerbt. Ich könnte mich vielleicht als Tour-Maskottchen bewerben, gemäß dem Motto des Werkes, Falte um Falte.
Pierre Boulez ist nicht der einzige Franzose, der sich der Falte gewidmet hat. So hat Gilles Deleuze, geistiger Weggefährte Boulez’, in seinem Werk über die Philosophie von Leibniz – und hier denke bitte niemand an Butterkekse – den Begriff der Falte aufgeworfen und ausführlich erörtert. Es wird deutlich: der Alltag ist durchaus theorietauglich. Die Vereinigung der Papierfaltenden fühlte sich ebenso repräsentiert wie die Mitglieder eines Surfclubs, die ihr Leben in den Falten des Meeres leben. Wir hören nie auf, uns selbst in die Faltungen der Natur einzubringen, die Natur ist eine bewegliche Falte.
Am Donnerstagabend erklang dann „Pli selon pli“ im Konzertsaal des KKL, Barbara Hannigan war die hübschgewandte Solistin, die von Boulez eine Zweieinhalboktavenstimme attribuiert bekam (Mariah Carey hat angeblich fünf, leider bekommt man diese Extremregister im viergestrichenen und Subkontrabereich selten zu hören). Pierre Boulez war sichtlich glücklich über die gelungene Aufführung und die enthusiastisch aufspielenden Musiker im Ensemble, auch wenn das übertrieben laut gegrölte Bravo, das den verklingenden Schlussakkord aufdringlich einfärbte, seine Gesichtszüge leicht entgleisen ließen.
Große Musik braucht große Partituren:
Als kleine Zugabe sei auf diese exklusive Aufnahme von „Sur Incises“ verwiesen. Es spielt das Ensemble intercontemporain unter der Leitung von Pierre Boulez:
by Paul Hübner, September 8, 2011
„Es ist heute der fünfte Tag, an dem ich Sie bitte, sich einzustimmen, ohne Melodien anderer Musik anzuspielen. Ich versichere Ihnen in aller Freundschaft, dass ich das hiermit zum letzten Mal sage. Selbst zwei Tage vor dem Konzert ist es für mich nicht zu spät, zu gehen. Und jetzt stimmen Sie bitte!“
Das hat zum Glück nicht Peter Eötvös gesagt, sondern Karlheinz Stockhausen höchstselbst, als er mit Pariser Konservatoriumsstudenten seine HYMNEN aufführte. Hier in Luzern lässt die Konzentrationsfähigkeit und Disziplin des Orchesters nichts zu wünschen übrig, auch wenn die Proben zu „Punkte“, die wir am Sonntagvormittag im Konzertsaal des KKL zur Aufführung bringen werden, durchaus kräftezehrend sind. Jede Unstimmigkeit in der Textur wird von Eötvös sofort bereinigt, gemäß dem James-Bond-Zitat aus „Lizenz zum Töten“: „Ein Problemlöser?“ – „Ich würde sagen, mehr ein Problembeseitiger.“
In einer “Hommage à Karlheinz” am Dienstagabend wurde bereits Stockhausens Werk bis in die siebziger Jahre hinein beleuchtet, unter anderem mit den Werken „Kreuzspiel“ und „Gesang der Jünglinge“. Mit Spannung erwartet wurde das einleitende Gespräch mit Pierre Boulez, der bereits am Abend vorher die sogenannte Darmstädter Schule als Saufschuppen enttarnt hatte – weitere pikante Details blieben jedoch aus. Man erfuhr, was zu erwarten war: die frühen Werke Stockhausens gehörten ohne Zweifel zum musikalischen Erbe des zwanzigsten Jahrhunderts, die Musik seit Tierkreis ist ihm, Boulez, dann doch etwas zu esoterisch. Dazugelernt hat hingegen der unermüdlich neugierige Roland Wächter, der regelmäßig informativ durch Konzerteinführungen und Foren leitet: wie sich die Spieluhren mit den Tierkreis-Melodien auch nach Aufziehen wieder ausschalten lassen, so dass sie, trotz Kissendämpfung, nicht weite Teile des Gesprächs mit hellem Gebimmel untermalen. Susanna Mälkki reiste am Wochenende an und dirigierte eben jenes Werk, nämlich dem TIERKREIS für Orchester. Die Melodien hatte ich noch bestens aus der Zeit in Kürten im Ohr, und die Version für Orchester ist trotz aller technischen Hürden eine ziemliche Feier für alle Beteiligten.
Peter Eötvös schließlich ist ein Stockhausen-Kenner der ersten Stunde, der besonders in der experimentellen Phase Stockhausens zahlreiche seiner Werke mit ihm zusammen einstudiert und gespielt hat. Wir dürfen uns also in besten Händen wissen, auch wenn die Aufführungspraxis seiner Zeit heute etwas gewöhnungsbedürftig erscheinen mag.
Das Foto zeigt den jungen Peter Eötvös in den sechziger Jahren bei einer Probe für “Mikrophonie”. Masken mussten wir bis jetzt zum Glück noch nicht tragen.
by Jena Gardner, September 8, 2011
Tonight will be my first performance of “Pli selon pli” with Pierre Boulez conducting and Barbara Hannigan singing. Every day we rehearse and the details of this piece become more clear to me.
I said in my first blog that there is something almost magical about working directly with a composer. In this case it’s two fold because Boulez is also conducting the piece. He is meticulous in his standards, saying in rehearsal that he “would not accept approximations”.
His music and his expectations create a new challenge for me. It is incredibly exhilarating to strive for these goals and even more so to accomplish them.
I am excited, of course, for the opportunity to perform Boulez’s piece tonight here in Lucerne. However, I am also interested to see how it will evolve and how my understanding of it will grow in the coming weeks on tour with Ensemble intercontemporain.
by Jena Gardner, September 6, 2011
Throughout the past two weeks, my colleagues and I have enjoyed the opportunity of hearing some of the world’s greatest orchestras. With the exception of Chicago and Pittsburgh, I have only heard these orchestras in recordings.
Not only is it just amazing to hear all these orchestras but to hear them within such a short period of time has allowed me to analyze there sounds, styles and other distinctions. I cannot begin to say how grateful I am for this opportunity!
I was also particularly excited to hear the Pittsburgh Symphony in Lucerne. I am so lucky to hear them almost every week when I am at home and am happy to report that they sound just as great on tour in Lucerne as at home in Heinz Hall. It was great to hear and see my teacher and many of the Brass faculty from graduate school.
There are a few more concerts to attend in the coming week and many academy concerts to perform on. I’m really looking forward to it and can’t believe how quickly the first two weeks have gone by!
by Paul Hübner, September 5, 2011
Eine neue Woche, die letzte, beginnt, nach einem ereignisreichen Wochenende. Am Freitag durften wir David Robertson zurück in unseren Reihen begrüßen; er war wieder da, um das erste Sinfoniekonzert im KKL zu dirigieren: ein rein französisches Programm, das den Bogen von Couperin bis in die spektral gefärbte Jetztzeit spannte. Begeisterter Applaus. Im Anschluss eine Begegnung der besonderen Art, mit Zeitreisenden, die sich als musikinteressierte Leser der gleichnamigen Wochenzeitung entpuppten, und die bei Häppchen und gekühlten Getränken investigativ nach Hintergründen und Insider-Informationen zu unserem Aufenthalt in der LFA forschten.
Der Samstag startete mit einer öffentlichen Lehrstunde für ambitionierte Jungdirigenten, die von »Maitre Boulez« in die Kunst der Zeichensprache eingewiesen wurden, anhand von Arnold Schönbergs Variationen für Orchester. Letzteres, also wir, wurde dafür in den Loop-Modus gestellt und übersetzte geduldig die immer deutlicher werdenden Handzeichen in dodekaphone Klänge. Der Bitte nach einer Zugabe widersetzte sich Pierre Boulez dankenswerterweise nach 135 langen Minuten – wer so einen Dirigenten als Chef hat, braucht keine Orchestergewerkschaft mehr.
Beinahe nahtlos schloss sich die Generalprobe für das abendliche Nachtplasmen-Konzert an. Letzte formale Korrekturen und klangliche Verfeinerungen waren nicht frei von Konfusionen, sorgten aber für die nötige Spannung in den zwei Aufführungen am Abend. »Injection of Energy« war die Regieanweisung für das flirrende Finale der modernen Version einer kleinen Nachtmusik, und ohne diese Portion Energie ließe sich so ein Tag auch kaum überstehen.
Um die Zeit zwischen Generalprobe und Konzert sinnvoll zu nutzen, wurden noch diverse Pressetermine und eine erste Leseprobe für den TIERKREIS für Orchester von Karlheinz Stockhausen eingeschoben. Die Nacht der Moderne im gut gesuchten Luzerner Saal geriet zu einem schönen Konzerterlebnis. Die erste Aufführung von Nachtplasmen für Orchester, Son-Icons und Video von und mit Charlotte Hug hatte viel Schwung und brachte einige energetisch-kraftvolle Impulse mit sich. Die anschließende Improvisation des Stellari String Quartets wurde von einer vermutlich etwas ungeduldigen Konzertbesucherin voreilig niedergeklatscht – da lag also in der Kürze die Würze. Um 22 Uhr folgte eine zweite Ausgabe von Nachtplasmen, formal etwas stringenter, und mit frenetischem Beifall bejubelt.
Wegen schlechten Wetters wurde die Exkursion des Orchesters am Sonntag vom Pilatus in den Konzertsaal des KKL verlegt, wo zufällig Maurizio Pollini am Flügel saß und Perlen der Klaviermusik von Beethoven und Stockhausen zum Besten gab. Dessen Klavierstücke VII und IX wurden vom Luzerner Konzertpublikum gnadenlos kaputt gehustet (obwohl Ricola wirklich nicht an Gratis-Bonbons spart). Schön war’s trotzdem, trotz ausbleibender Zugabe, die an dieser Stelle nachgeliefert sei:
Mehr Stockhausen gab’s am Nachmittag im Maskenliebhabersaal, beim Alphorn-Special von Mike Svoboda (wir berichteten), in dem der musikinteressierten Jugend nicht nur Nachhilfe in der Sprache des Alphorns gegeben, sondern auch beigebracht wurde, wie man angemessen auf die Erwähnung des Namens des Kürtener Komponisten zu reagieren habe, nämlich mit einem Raunen. Darum würde ich auch bei dieser Bloglektüre bitten; die nächsten Tage werden dazu noch einige Gelegenheit bieten. Am siebten Tage sollst Du ruhen, aber damit kann zumindest in dieser Woche nicht der Sonntag gemeint sein. Vor der dreistündigen Abendprobe mit der Kammerorchesterversion des TIERKREIS standen eine Rundfahrt zu Wasser entlang den Ufern des Vierwaldstättersees sowie der Besuch einer hervorragend kuratierten Ausstellung über moderne chinesische Kunst im Kunstmuseum Luzern, nur ein paar Treppenstufen vom Academy Foyer entfernt, auf dem Programm. Schade, dass die Hundertschaften chinesischer Touristen, die tagtäglich die Straßen und Souvernirläden der Stadt bevölkern, wohl kaum den Weg ins Dachgeschoss des KKL finden werden.
by Jena Gardner, September 3, 2011
This last Thursday I had the pleasure of playing with the brass ensemble at the Chateau Gütsch! The hotel was absolutely beautiful and we were treated wonderfully. We performed two pieces for the appreciative audience (Tomasi’s “Fanfare Liturgiques” and Hazel’s “Brass Cats”).
Following the performance the hotel provided us with food and wine. It proved to be a great time where we all shared drinking songs from our countries and cultures. Unfortunately we could not think of any from the states. Any suggestions?
by Paul Hübner, September 1, 2011
Am Mittwoch und Donnerstag waren die Musiker des Stellari Streichquartettes zu Gast, um interessierte Nachtplasmatiker in die höhere Kunst der Improvisation einzuweihen. Die Sessions (um im Improvisationsjargon zu bleiben) waren auf ganz andere Weise intensiv und präzisionsfordernd als der übliche Orchesterbetrieb, und somit ein auch klanglich schöner Kontrast. Befreiend, gelegentlich aus dem Korsett der strengen Notationsregeln auszubrechen und ein Gegenbild zur regulierten und durchstrukturierten Welt aufzubauen: »We build our own world.« (John Edwards)
Am Mittwochabend lockte wieder die Open Stage der LFA ins Foyer des KKL, mit einem Programm, das kaum kontrastreicher hätte sein können. Bevor die Blechbläserfraktion den Raum mit Henri Tomasis kunsthandwerklich hübschen »Fanfares Liturgiques« zum Resonieren brachte, erlebte das Publikum eine mit großem körperlichen Einsatz dargebotene Streich- Kratz und Schreiaktion, ein Stück klassischer Moderne mit bravem Britten und das wohl avancierteste Stück des diesjährigen Lucerne Festivals, (CIN)Shift für einen Multiperkussionisten von Marek Poliks, mit der nötigen Sturheit dargeboten vom LFA-Schlagzeuger Christian Smith. Entfernt an die Hochzeiten der kritischen Moderne erinnernd, war das Stück doch ganz im Hier und Jetzt verankert, ohne im Entferntesten „zeitgenössisch“ (das schlechteste Kompliment für neue Musik) zu sein. Unbedingt mehr davon!
Die Proben für die beiden Klassiker im diesjährigen Repertoire, die Orchesterwerke von (Schön-)Berg, lassen langsam erahnen, dass es sich bei diesen Stücken um mehr handelt als um beliebig aneinanderkomponierte Zwölftonmelodiefragmente. Alban Bergs Orchesterstücke klingen langsam so wie Mahler mit falschen Tönen, und das klingt gar nicht so übel. Unter den geschmeidigen Händen von Pierre Boulez wächst das Orchester langsam zu einem Klangkörper heran. Man darf auf das Abschlusskonzert gespannt sein.
Mehr Musik passt wohl kaum in einen Tag hinein: der Donnerstag ging los mit einer mühsamen aber lohnenswerten Probe über „Punkte“ von Karlheinz Stockhausen, mit väterlicher Fürsorge angeleitet von Peter Eötvös, über dessen Zusammenarbeit mit dem Meister in Kürze hier nähere, boulevardhaft ausgeschmückte Details ausgebreitet werden. Am Abend folgten für mich gleich drei Auftritte am Stück:
ein kurzer Alphorn-Sabotageakt in der Buvette mit dem wohl kreativsten und spielfreudigsten Blechbläser unserer Tage, Mike Svoboda; das Forum über „Nachtplasmen“ mit dem Energiebündel Charlotte Hug, und schließlich ein musikalisches Gelegenheitsgeschäft im hoch gelegenen Chateau Gütsch, in dem die Blechbläserfraktion der Akademie mit eingängigen Melodien das geladene Publikum zu freundlichem Beifall hinriss. Zeitgleich sangen und spielten in der Buvette die Zwillinge vom Oracle Hysterical zum Tanz auf, am Schlagzeug Dominik Deuber mit gewohnt entspannten und doch vorantreibenden Beats. Die Shows der Hip-Hop-Gruppe mit Nerd-Ambitionen finden nächste Woche statt – unbedingt
reservieren! Die intelligenten Raps beziehen ihren Charme nicht zuletzt durch die Diskrepanz zwischen einem denkbar unsexy Instrument wie dem Fagott, dass Frontman Brad Balliet im gewöhnlichen Leben spielt, und der anrüchigen Aura des Hip-Hoppers, der mit der Boombox frischen Wind in die Ohren des gesättigten Festspielpublikums drückt.

by Paul Hübner, August 30, 2011
Eine Woche ist vorbei im Orchesterferienlager am Vierwaldstättersee, erste Auftritte sind erfolgreich absolviert: Am Samstag fungierte das Orchester im Forum als Live-Hörbeispiel für die Ausführungen von Marc-André Dalbavie, am Montag erfreute sich die erste Open Stage im Foyer des KKL regen Zuspruchs. Ich selbst hatte das Vergnügen, den Stockhausen-Schwerpunkt der Academy auch ins Beiprogramm hineinzutragen, mit den für die domartige Akustik der Empfangshalle ganz passenden HARMONIEN. Daneben gab es sehens- und hörenswerte Lautpoesie von Nicolee Kuester, im wahren Leben Hornistin im Academy Orchestra, und einen erneuten Appetizer von The Oracle Hysterical, Britten hip-hop’d. Weitere Open Stage Konzerte jeweils Mittwochs und Montags um 17.30 im Foyer des KKL.
Am Samstagabend gehörte die bahnhofsnahe Nectarbar (mit unschlagbarem Blick auf Weichen und Gleise) dem sogenannten Social Event der LFA, das sich von der sonstigen Abendgestaltung nicht wesentlich unterschied, allerdings durch die hohe Musikerdichte beeindruckte. Gesellig war es in jedem Falle, umso mehr, als der folgende Sonntag frei von Proben und anderen Verpflichtungen war. Dies bot gleichzeitig die Gelegenheit, eines der abendlichen Sinfoniekonzerte im KKL zu besuchen, was wegen der Abendproben selten möglich ist. Ricardo Muti leitete ein präzis und klanggewaltig aufspielendes Chicago Symphony Orchestra durch ein dramaturgisch etwas seltsam gestaltetes Programm: »verzichtbar« wäre noch das freundlichste Kompliment, das man der einleitenden Tanzmusik machen könnte.
Die Tage werden intensiver, zwölf Stunden Proben am Stück mit rar eingestreuten Kaffee-Pausen sind keine Seltenheit mehr. Gut, dass das KKL unterirdisch mit einem Supermarkt verbunden ist, der die wichtigsten Vitalfunktionen am Laufen hält. Wenn man dann abends in Luzerns Gaststätten auf Nahrungssuche geht, fühlt man sich wenigstens nicht allein: auch die freundliche Pizzabäckerin war so geschwächt, dass ihre Gäste die Gläser mit den eingelegten Zutaten selbst öffnen mussten, bevor sie den Weg auf den Teigling und schließlich in den Ofen fanden. Das Bild des entspannten Musikers, der die Naturschönheiten der Schweiz unter strahlender Sonne genießt, wird es so bald wohl nicht mehr geben.



